Allgemein
Juli 29, 2010

Vegetarismus zuerst!

Dieser Post ist eine Übersetzung eines Artikels von Helmut F. Kaplan und sozusagen eine Gegenmeinung zum übersetzten Artikel von Gary L. Francione.

Wenn du Veganer möchtest, fördere Vegetarismus

In den letzten 20 Jahren habe ich mich mit der moralischen Bedeutung einer vegetarischen und veganen Lebensweise in ungefähr gleich vielen Texten beschäftigt, um zu versuchen, mir selbst über das Thema klar zu werden und die Schlussfolgerungen meinen Lesern mitzuteilen. An letzterem bin ich kläglich gescheitert. Das könnte die folgenden zwei Gründe haben:

Erstens: Die Art auf die die Frage nach der moralischen Bedeutung von Vegetarismus und Veganismus thematisiert und beantwortet wird, hängt in großen Teilen von der eigenen ethischen Position ab. Wenn man ein “Deontologe” ist, wägt man ab, ob ein Verhalten in sich korrekt ist, unabhängig von den Konsequenzen. Wenn man ein “Konsequentialist” ist, glaubt man, dass es genau die Konsequenzen eines Verhaltens sind, die zählen. Wenn man sich dieser fundamentalen theoretischen Frage nicht bewusst ist oder nicht bewusst sein will, ist das naturgemäß einer ergiebigen Debatte nicht zuträglich.

Zweitens: Vegetarismus/Veganismus ist ein Thema, welches so emotionsgeladen ist, dass sogar von den aufkommenden Fragen kaum Notiz genommen wird, geschweige denn diese in einer nüchternen und vernünftigen Art diskutiert werden. Deswegen begann ich, die meiste Zeit die folgende Frage zu diskutieren:

Welches ist die beste Strategie sich mit der Öffentlichkeit – z.B. Fleischessern – zu beschäftigen, um dem Ziel einer veganen Gesellschaft näher zu kommen?

Die Antworten die ich bekam, waren fast ausschließlich zu einer anderen Frage:

Welcher Ernährung bin ich, Helmut F. Kaplan, moralisch verpflichtet?

Wegen dieser Historie und diesen Problemen werde ich versuchen, mich mit der Frage Vegetarier oder Veganer auf einer (fast) streng faktischen Ebene zu beschäftigen:

Ökonomische und psychologische Fakten

Die kommerzielle Nutzung von Tieren beinhaltet praktisch immer die Misshandlung von Tieren, weil der heute allgegenwärtige kommerzielle Gedanke automatisch zu ihrer Ausbeutung führt. Die Tierindustrie formt ein eng verzahntes, vollintegriertes System, welches darauf ausgerichtet ist, ökonomische Gewinne zu maximieren – in dessen Zentrum die Fleischproduktion steht: Fast alle Tiere, egal wie sie benutzt werden, werden am Ende gegessen.

Allgmeine vegetarische Fürsprechung hat vergleichsweise gute Chancen, erfolgreich zu sein, weil die Gründe, auf Fleisch zu verzichten, nicht nur auf ethischer und rationeller Ebene Sinn machen (oder auf eine Art präsentiert werden können, die Sinn macht), sondern auch auf der praktischen Ebene des “täglichen Lebens” begreifbar sind: Es wird sofort klar, dass das Huhn oder das Schwein, welches ich gerade esse, für mich vorher getötet werden musste. Und es ist auch relativ einfach, sich vorzustellen, dass ich in Zukunft ein Käsesandwich anstatt eines Schinkensandwiches essen werde.

Aber mit Veganismus wird alles komplizierter, nicht so gradlinig – und schwieriger zu akzeptieren: Dass die Milch in meinem Käse von einem Tier kommt, das gequält und letzten Endes ins Schlachthaus gebracht wird, ist eine schwierigere Verbindung als die, dass das Tier dessen Fleisch ich jetzt esse vorher für mich getötet werden musste. Und dass ich in Zukunft weder ein Schinken-, noch ein Käsesandwich essen sollte, erscheint fast unverstellbar. Wir dürfen nicht vergessen (was fast immer bei Befürwortern des Veganismus übersehen wird): Das Fleischessen aufzugeben, d.h. einen vegetarischen Lebensweg einzuschlagen, ist schon ein sehr, sehr großer Schritt für die überwältigende Mehrheit der Leute – wenn nicht ein “mutiger”!

Optimalerweise können die Leute dazu geführt werden, vegetarisch zu werden, aber vegan werden müssen sie gewöhnlich von sich aus. Der Schritt von vegetarisch nach vegan findet im Stillen statt, im privaten – aber als eine Regel nur wenn eine Voraussetzung erfüllt ist: Die betroffenen Leute verzichten aus ethischen Gründen auf Fleisch. Daher ist es von höchster Wichtigkeit, die Leute zu einem ethisch motivierten Vegetarismus zu führen.

Im folgenden werde ich auf sachliche und emotionslose Art einschätzen, welche Konsequenzen aus welchen Strategien an diesem speziellen historischen Zeitpunkt (2010) resultieren:

Vegetarische Grundsätze schaffen Vegetarier UND Veganer

Es gibt eine eindeutige Verbindung zwischen (moralisch motiviertem) Vegetarismus und Veganismus, auch wenn diese nicht zwingend ist. Vegetarismus fungiert als eine Art Voraussetzung für Veganismus. Fast alle Veganer waren vorher Vegetarier; fast keine Fleischesser werden in einem einzelnen Schritt vegan. Es ist relativ einfach für einen Vegetarier, vegan zu werden, aber das ist fast nie der Fall bei Fleischessern. Daher ist jeder Schritt Richtung Vegetarismus zur gleichen Zeit auch ein Schritt in Richtung Veganismus. Kurz: Jeder der Vegetarismus fördert, fördert gleichzeitig Veganismus.

Dies trifft entsprechend auch auf den ökonomischen Bereich zu: Ein merklicher Antrieb zu einer vegetarischen Gesellschaft startet einen Prozess mit seiner eigenen Dynamik, der die Gesellschaft in Richtung Veganismus bewegt. Wie gesagt, die verschiedenen Arten der Tiernutzung formen ein eng verzahntes integriertes System, dessen wichtigste Komponente die Fleischproduktion ist. Mit dem wegen eines dauerhaften Trends in Richtung Vegetarismus Wegbröckeln seines wichtigsten Elements, der Fleischproduktion, wird das ganze System weniger profitabel und wird allmählich verschwinden. Zusammenfassung: Wenn wir die Gesellschaft erfolgreich vegetarisieren, bekommen wir ihre Veganisierung als Bonus dazu.

Vegane Grundsätze schaffen WEDER Veganer NOCH Vegetarier

Zu versuchen, “normale” Menschen, d.h. Fleischesser, zu diesem Zeitpunkt zu Veganern zu machen, ist nicht nur aussichtslos, sondern geradezu schädlich. Wir werden nicht nur daran scheitern, neue Veganer zu schaffen, wir hindern sogar Menschen daran, vegetarisch zu werden! Sogar Leute, die bereit sein könnten, eine vegetarische Lebensweise einzuschlagen, werden uns ihre Rücken zukehren wenn wir ihnen sagen: “Seht, Leute, die Situation ist folgende: Sogar wenn ihr jetzt aufhört, Fleisch zu essen, tut ihr immer noch nicht mal annähernd genug.” Ein potenzieller Vegetarier, der auf diese Art “gebildet” wurde, wird emotional und intellektuell sofort “abschalten”, wird weiterhin Fleisch essen, und wird für eine lange Zeit (wenn nicht für immer) ein taubes Ohr für weitere Anstrengungen, ihn oder sie zu überzeugen, aufhören Fleisch zu essen, haben.

Natürlich sollten wir auch für Veganismus kämpfen. Aber nur wenn eine realistische Chance besteht, Veganer zu produzieren – und nicht wenn wir riskieren, Leute davon abzuhalten, Vegetarier zu werden.

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